Ist nicht bekannt, wie sich eine Person selbst identifiziert oder welche Zugehörigkeiten sie besitzt, kann die Umschreibung „[xx] gelesen“ verwendet werden. So kann beispielsweise von einer „männlich gelesenen Person“ oder einer „weiblich gelesenen Person“ gesprochen werden. Durch diese Formulierung wird auf den Prozess der sozialen Zuschreibung hingewiesen und einen eröffnet einen Raum für die kritische Auseinandersetzung mit stereotypen und vorurteilsbehafteten Wahrnehmungen.
Cis (kurz für cisgeschlechtlich) beschreibt Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Das Wort cis stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „diesseits“ oder „auf dieser Seite“ – im Gegensatz zu trans („jenseits“). Der Begriff beschreibt eine Variante geschlechtlicher Vielfalt und nicht eine Norm oder einen Idealzustand. Er macht sichtbar, dass auch Menschen, die nicht trans sind, eine bestimmte geschlechtliche Position haben.
Cisnormativität bezeichnet die gesellschaftliche Annahme, dass alle Menschen cisgeschlechtlich sind oder sein sollten. Diese Annahme wirkt auf Wahrnehmungen, Institutionen und Regeln, oft ohne ausdrücklich benannt zu werden. Es beschreibt ein Machtverhältnis, das trans, nicht-binäre und inter Erfahrungen als Abweichung, Problem oder Ausnahme behandelt. Dies zeigt sich in rechtlichen Verfahren, medizinischen Standards, Sprache, Formularen oder Alltagsinteraktionen. Cisnormativität wirkt dabei nicht nur durch offene Ablehnung, sondern vor allem durch Selbstverständlichkeit: Wer cis ist, muss sich selten erklären oder legitimieren.
Cisnormativität ist eng mit anderen normativen Ordnungen verbunden, etwa Heteronormativität oder Zweigeschlechtlichkeit. Gemeinsam stabilisieren sie gesellschaftliche Erwartungen an Eindeutigkeit, Lesbarkeit und Anpassung. Die Nicht-Beachtung der gesellschaftlichen Normen wird mit Ausschluss, Abwertung oder Gewalt sanktioniert. Cisnormativität wird sichtbar, wenn trans* oder nicht-binäre Menschen ständig korrigieren, erklären oder kämpfen müssen, während cisgeschlechtliche Positionen als neutral oder „normal“ gelten.
Drag bezeichnet eine künstlerische Praxis, bei der Geschlecht bewusst performt, überzeichnet oder neu interpretiert wird. Meistens geschieht dies, indem die Rolle von Drag Queens, Drag Kings oder anderen Drag-Personas eingenommen wird. Drag macht sichtbar, dass Geschlecht keine natürliche Gegebenheit ist, sondern durch Kleidung, Gestik, Stimme und soziale Erwartungen hergestellt wird. In diesem Sinne ist Drag eine politische Praxis, die binäre Geschlechterordnungen, Cisnormativität und Vorstellungen von „echtem“ oder „richtigen“ Geschlecht infrage stellt. Drag ist nicht automatisch queer oder feministisch, wird aber häufig als Ausdruck von Widerstand, Selbstermächtigung und Community-Kultur verstanden. Der Begriff soll zum ersten Mal in den 1860ern vom englischen Crossdresser-Duo Boulton und Park verwendet worden sein. Seine politische Dimension ist eng verwoben mit Dragballs und der Ballroom-Szene in den USA und Mitgliedern der Schwarzen und Latinx-Communitys.
Emanzipation (lateinischer Herkunft, ursprüngliche Bedeutung: die Entlassung aus der väterlichen Gewalt) beschreibt den Prozess der Befreiung aus Abhängigkeit und Unterdrückung, mit dem Ziel Selbstbestimmung und Gleichberechtigung in allen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen sicherzustellen. Der Begriff der Emanzipation ist eng verbunden mit dem Kampf für Frauenrechten weltweit und hat bis heute nichts an Relevanz verloren. Patriarchale Strukturen, Femizide und Sexismus bedrohen weiterhin das Leben vieler Frauen, Queers und Kinder. Die historische Bedeutung des Begriffs ist damit untrennbar mit aktuellen feministischen und queerfeministischen Kämpfen verbunden. Darüber hinaus umfasst der Begriff auch die Befreiung ganzer Gruppen oder Völker, wie etwa bei der Entkolonialisierung, und steht somit allgemein für den Kampf um Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung in verschiedenen Kontexten.
Empowerment (aus dem Englischen power – Macht, Kraft; Bedeutung: eine Person mit Macht oder Befugnissen ausstatten) ist ein in den USA entstandenes Konzept zur Selbstermächtigung. Hervorgegangen aus den Schwarzen Bürgerrechtsbewegungen und Befreiungsbewegungen der 1950er/60er Jahre, richtet sich das Empowerment-Konzept vorrangig an marginalisierte Menschen und Personen mit Diskriminierungserfahrungen. Durch den Fokus auf die eigenen Fähigkeiten, die eigenen Kräfte und Gestaltungsspielräume wird das Selbstvertrauen gestärkt und die Möglichkeiten einer freien und selbstbestimmten Lebensgestaltung erhöht. Die beiden zentralen Aspekte der Selbstermächtigung sind das Ansprechen von sozialen Ungerechtigkeiten und die Forderung nach politischer und gesellschaftlicher Teilhabe. Empowerment ist somit kein individueller Selbstoptimierungsprozess, sondern ein politischer und kollektiver Selbstermächtigungsprozess.
Der Begriff Feminismus (lateinischer Herkunft, abgeleitet von femina – Frau) entstand im 19. Jahrhundert, als Frauen für ihr Wahlrecht und mehr Anerkennung kämpften, und setzt sich bis heute für die Rechte und Chancen aller Geschlechter ein. In der Theorie beschäftigt sich der Feminismus mit menschengemachten Geschlechtsunterschieden und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Ungleichheit der Geschlechter. Gleichzeitig ist Feminismus eine Bewegung, die sich für die Gleichberechtigung, insbesondere von FLINTA-Personen – also Frauen, Lesben, inter, nicht-binären, trans* und agender Personen – einsetzt. Er kritisiert die Vorteile, die cis-Männer oft in unserer Gesellschaft haben, und fordert den Abbau benachteiligender Strukturen sowie die Stärkung benachteiligter Gruppen. Der Feminismus unterteilt sich in unterschiedliche Strömungen, wie etwa den intersektionalen Feminismus oder den Queerfeminismus, der besonders die Rechte und Vielfalt von LGBTQIA*-Personen unterstützt.
Das Akronym FLINTA* stammt aus dem Queerfeminismus und steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans sowie agender Personen und für Menschen, die sich nicht mit den genannten Labels identifizieren und nicht cis-männlich sind. Das Akronym versucht, alle Geschlechtsidentitäten einzuschließen, die in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft diskriminiert werden. Das L für Lesben ist häufig enthalten, da manche Lesben den Begriff nicht nur als Beschreibung ihrer sexuellen Orientierung, sondern auch als Geschlechtsidentität verwenden. Die Variante MINTA* wird in der Jugendarbeit verwendet: Hier steht das M für Mädchen anstelle von Frauen.
Ist ein Akronym, das die vielfältigen geschlechtlichen Identitäten und sexuellen Orientierungen abbilden will. Die Buchstaben stehen für Lesbisch, Gay (Schwul), Bisexuell, Trans, Queer/Questioning, Intergeschlechtlich, Asexuell/Aromantisch sowie dem + als Platzhalter für weitere Identitäten (wie Two-Spirit, Pansexuell, Demisexuell…), die nicht mit dem Akronym abgedeckt sind. Der Buchstabe Q in „Questioning“ richtet sich an Personen, die ihre Zugehörigkeit zu den anderen Kategorien von LGBTIA+ hinterfragen, sich noch keiner dieser Kategorien zuordnen (möchten) oder sich mit mehr als einer Kategorie identifizieren. Das Akronym erhebt nicht den Anspruch der Vollständigkeit und hat sich im Laufe der Jahre verändert und weiterentwickelt.
Mit der Wortschöpfung „Polnischsein-Erfahrung“ möchte der Queerowy Klub der Vielfalt des Polnischseins Rechnung tragen und zugleich den unterschiedlichen Beziehungen zum Polnischsein sowie den vielfältigen Berührungspunkten mit dem Polnischen Raum geben. Ziel ist es, möglichst viele Lebensrealitäten mitzudenken und abzubilden. Gleichzeitig soll Offenheit für menschliche Erfahrungshorizonte jenseits von Grenzen, Definitionen und Rechtsstatus geschaffen werden. Der enge Fokus harter Migrationsdebatten wird dabei bewusst zugunsten zwischenmenschlicher Begegnungen und Erfahrungen geöffnet. Eigene Gefühle, Erinnerungen, Interessen und Wahrnehmungen erhalten so wieder die Möglichkeit, in den Vordergrund zu treten.
Ursprünglich als Schimpfwort gegen homosexuelle Männer verwendet, ist das Wort Queer (englisch für seltsam/eigenartig) heute eine Sammelbezeichnung (Umbrella Term) die synonym zu „LGBTQIA+“ verwendet wird. Der Begriff umfasst sowohl die sexuelle Orientierung als auch die geschlechtliche Identität und beschreibt Personen, die nicht heteronormativ sind. In diesem Sinne kann „queer“ als kritische Perspektive verstanden werden, die Hetero- und Cisnormativität grundlegend infrage stellt. Auch wenn der Begriff mittlerweile gesellschaftlich etabliert ist, wird er nicht von jeder Person zur Selbstbeschreibung verwendet.
Schwul bezeichnet eine sexuelle Orientierung, bei der sich Männer emotional, romantisch und/oder sexuell zu anderen Männern hingezogen fühlen. Das Wort „schwul“ wurde im deutschsprachigen Raum lange als abwertende Fremdbezeichnung verwendet und erst im Zuge der schwulen Emanzipationsbewegungen seit den 1970er-Jahren politisch angeeignet. Historisch ist der Begriff eng mit Kämpfen gegen Kriminalisierung, medizinische Pathologisierung und gesellschaftliche Stigmatisierung verbunden. Bis heute versucht die cisnormative Männlichkeitsvorstellungen schwule Lebensweisen als Bedrohung darzustellen und legitimiert damit ihre eigenen Gewaltanwendungen gegenüber homosexuellen Menschen und Lebensentwürfen. Das Wort Schwul bezeichnet keine homogene Erfahrung beschreibt. Rassismus, Klassismus, Ableismus oder Transfeindlichkeit prägen schwule Lebensrealitäten unterschiedlich und führen auch innerhalb schwuler Communities zu Machtgefällen. Heute wird „schwul“ vielfach selbstbewusst als Selbstbezeichnung genutzt, bleibt aber außerhalb geschützter Räume weiterhin umkämpft. Der Begriff steht in engem Zusammenhang mit lesbischen und bisexuellen Identitäten, unterscheidet sich jedoch in historischen Sichtbarkeiten und spezifischen Machtverhältnissen.
Warum dieses Glossar?
Queerowy Klub nutzt Sprache bewusst. Begriffe wie queer, Feminismus, Empowerment oder Allyship sind nicht neutral, sie entstehen in politischen Kämpfen, werden unterschiedlich verwendet und können sowohl empowern als auch ausschließen. In unserer Arbeit, in Veranstaltungen und auf Social Media verwenden wir viele dieser Begriffe selbstverständlich. Dieses Glossar soll transparent machen, was wir darunter verstehen und aus welcher queerfeministischen Perspektive wir sprechen. Die hier versammelten Begriffe erklären nicht nur Bedeutungen, sondern ordnen sie politisch ein. Sie benennen Machtverhältnisse, machen Ausschlüsse sichtbar und knüpfen an Erfahrungen aus queerer, migrantischer und diasporischer Praxis an. Dabei erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder allgemeingültige Definitionen.
Dieses Glossar ist ein Arbeitsinstrument: für Community-Mitglieder, für Interessierte und für alle, die unsere Positionen besser verstehen möchten. Es soll Orientierung bieten, Diskussionen ermöglichen und Sprache als Teil politischer Praxis begreifen. Sprache prägt, wie wir die Welt verstehen. Dieses Glossar macht sichtbar, wie wir im Queerowy Klub über queere, feministische und migrantische Themen sprechen und warum.
Zu den Quellen:
Dieses Glossar basiert auf queerfeministischer Forschung, Community-Wissen, frei zugänglichen Glossaren und eigener redaktioneller Arbeit. Es erhebt keinen Anspruch auf Neutralität oder Vollständigkeit.
Weiterführende Ressourcen (Glossare & Lexika)
- Gender Glossar – Interdisziplinäres Online-Glossar zu Begriffen aus Gender- und Diversity-Diskursen (https://www.gender-glossar.de)
- Queer-Lexikon – Glossar zu queeren Begriffen und Konzepten (https://queer-lexikon.net)
- LSBTIQ-Glossar zur sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) – Glossar mit Definitionen zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt (https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/gleichstellung/sexuelle-und-geschlechtliche-vielfalt/lsbtiq-glossar-zur-sexuellen-und-geschlechtlichen-vielfalt-256152)
- Klargestellt – Glossar und Materialien zur Geschlechtergerechtigkeit (TU Dortmund) – Glossar im Kontext universitärer Gleichstellungsarbeit
(https://gleichstellung.tu-dortmund.de/projekte/klargestellt/) - LGBT-Fandom – Kategorie: Begriffsklärung – Lexikalische Sammlung zu LGBTQ+-Begriffen in Fan-und Community-Kontext
(https://lgbt.fandom.com/de/wiki/Kategorie:Begriffsklärung) - Echte Vielfalt – Plattform für Diversität, Teilhabe und inklusive Sprache (https://echte-vielfalt.de)
- IDA NRW – Glossar – Glossar zu Diversity- und Antidiskriminierungsbegriffen der Initiative der Ausländer-, Migranten- und Flüchtlingsselbstorganisationen in NRW
(https://www.ida-nrw.de/glossar) - LSVD – LSBTIQ-Glossar – Begriffslexikon zur sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland
(https://www.lsvd.de/de/ct/3385-Was-bedeutet-LSBTIQ-Glossar-der-sexuellen-und-geschlechtlichen-Vielfalt) - Queeres Glossar (qnn.de) – Glossar, Glossar-Publikation und Ressourcen zu queeren Begriffen (https://qnn.de/produkt/queeres-glossar/)
Hinweis zur redaktionellen Arbeit:
Die Texte dieses Glossars wurden redaktionell von der Initiative erstellt. Bei der Strukturierung, sprachlichen Ausarbeitung und Überarbeitung einzelner Inhalte wurde KI-gestützte Assistenz (ChatGPT, OpenAI) eingesetzt.
